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Reden wir über die 50. Die 50 ist ja nicht nur für Autofahrer eine magische Zahl. Wer einmal einen Strafzettel bekommen hat, weiß, wovon ich rede.

Jedenfalls ist die 50 nicht nur im Straßenverkehr eine wichtige Zahl. Auch im Leben zahlreicher Menschen spielt die halbe Hundert eine große Rolle. Bereits Wochen vor dem halben Jahrhundert hagelt es Fragen auf den Betroffenen:

„Na, wie fühlt man sich mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel?“, ist noch eine der charmanteren Fragen.

Eine Bekannte von mir schrieb mir zwei Wochen vor meinem 50. folgende Nachricht:

„Hey Süße. Nun ist es bald so weit. In zwei Wochen bist du ein halbes Jahrhundert alt. Hörst du schon das Gras wachsen?“

Ich antwortete: „Hey Schnegge. Vielen Dank für die nette Nachfrage. Tatsächlich fühle ich mich so jung wie nie. Ich könnte das Gras mit der Nagelschere mähen, so fit bin ich. Wie sieht es bei dir aus? Schon die dritten Zähne bestellt?“

Danach hörte ich lange nichts mehr von ihr – sehr lange. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Offenbar ist ihr Telefon defekt, denn es kommt immer nur, unter dieser Nummer sei der Teilnehmer nicht erreichbar.

Jedenfalls war dann die 50 heran. Altersgerecht weckte mich mein Geist um drei Uhr in der Früh auf und zwitscherte mir ein fröhliches Happy Birthday in meine greisen Ohren. Schlaftrunken, noch in Morpheus Armen schlummernd, kletterte ich über den mir Angetrauten, blieb mit dem rechten Fuß an seinem Ohr hängen und fiel mit einem leisen Platsch auf unseren Bettvorleger. Dieser jaulte laut auf, sprang ins Bett, semmelte zielgerichtet die Pfoten in des Angetrauten Gemächt, um wenig später neben dem Bett zu landen.

Ich rieb mir meine schmerzenden Knie, sammelte meine weithin versprengten Knochen auf und krabbelte ins Bad. Und dort spielte sich das wahre Drama ab: Statt Jugend und Frische erschreckte mich das Gesicht des nahen Todes. Dunkle Augenringe rahmten Augen, die einst so groß wie Wagenräder waren, und heute Verstecke unter Schlupflidern spielen. Falte an Falte schmiegten sich zu einer beginnenden Auffaltung zusammen.

„Jung sieht anders aus“, brummte ich in meinen Damenbart, färbte den Haaransatz und asphaltierte mein Gesicht, bis es Farbe bekam. So rutschte ich aus dem halben Jahrhundert ins nächste.

Seitdem bin ich unsichtbar. Neulich saß ich beim Arzt. Pünktlich zum Geburtstag quoll der Briefkasten über mit den Einladungen zur Darmspiegelung, Mammographie und Schönheitschirurgie. Ich saß da also und blätterte zum 100. Mal die „Bild der Frau“ durch. Und ich saß und saß und saß… Das Wartezimmer leerte sich.

„Prima. Ich bekomme die VIP-Behandlung.“, dachte ich und rückte meine Frisur zurecht. Draußen hörte ich Gelächter.

„Ich schließe noch schnell ab. Dann gehen wir noch auf ein Bier.“

Das Klacken der Tür, das Klappern der Schlüssel verschwanden unter dem Klang meines Herzens, das wie Speedy Gonzales auf Koks raste.

„Hallo“

Meine Stimme knallte an den Wänden ab, prallte auf meine Ohren und trieb mir die Tränen in die Augen.

„Vergessen haben sie mich. So fühlt es sich also an.“

Die Nacht verbrachte ich auf der Arztpritsche. Komfortabler als erwartet. Und zum ersten Mal seit Wochen schlief ich wie ein Baby – zwar mit Rücken, aber ohne Rüsseln des mir Angetrauten. Vergessen kann auch erholsam sein.