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Seit ich denken kann, schreibe ich. Meine Mutter erzählt gern allen, die es nicht hören wollen, ich hätte bereits in ihrem Leib geschrieben. Gläubige Zungen behaupten sogar, so wäre das Neue Testament entstanden. Das ist natürlich Nonsens, wie meine Großmutter sagen würde – Gott sei ihrer Seele gnädig. Apropos Großmutter: Meine Großmutter war eine sehr resolute Frau. Was ihr an Körpergröße fehlte, machte sie mit ihrer Durchsetzungskraft wett. Wenn sie etwas haben wollte, bekam sie es – manchmal mit Gewalt. Was wollte ich jetzt sagen? Ach ja, diese Durchsetzungskraft hat sie mir leider nicht vererbt. Ich bin eher wie ein Gummi – leicht dehnbar, oft zum Zerreißen gespannt, aber immer nachgiebig. Und da ist auch schon der Bogen zu meiner Schreiberei.

Um es noch einmal klarzustellen: Das Neue Testament stammt definitiv nicht aus meiner Feder. In meinen jungen Jahren versuchte ich mich als Songschreiber – in der Hoffnung, den Weltfrieden zu retten. Erst später begriff ich, dass daran bereits die 68er gescheitert waren, und ich widmete mich einem anderen Projekt: den Ureinwohnern Amerikas. Mein Herz schlug damals im Takt der Gerechtigkeit. Das macht es auch heute noch, wenn auch mit unregelmäßigem Herzrhythmus.

Jedenfalls schrieb ich mit Sechs sehnsuchtsvolle Lieder über das romantische Leben der Indianer. (Ja, ich weiß, dass man das nicht mehr sagen darf. Damals hießen die aber so.) Das hörte auf, als ich erfuhr, dass Karl May in Radebeul gelebt hatte und niemals im Wilden Westen war. Als dann auch noch Winnetou starb, war es erst einmal vorbei mit der Schreiberei. Ich trauerte aus tiefstem Herzen um eine Leidenschaft, die im Laufe der darauffolgenden Wochen verglühte, wie das letzte Glas Feuerwasser Old Shatterhands in der Wüste Nevadas.

Als ich älter wurde, erwachte sie wieder: meine Lust am Schreiben. Dummerweise fiel sie in meine Pubertät. Statt melancholischer Indianergeschichten flossen nun pubertäre Sex-Fantasien auf das graue Recyclingpapier meiner Kindheit. Ganze Drehbücher für Erotikfilme füllten die Seiten. Aber auch diese Karriere nahm ein vorzeitiges Ende.

Was für Schmuddelkram ich schreiben würde. Ich käme ins Kinderheim, wenn ich weiter eine Laufbahn als Erotikautorin anstrebe. Danach brannte mir meine Mutter ihre Hand als Tattoo auf meine Wange und ich warf Stift und Papier weg. Wer genau hinsieht, erkennt noch die Konturen. Der Schönheitschirurg, der später dieses Mal beseitigen sollte, war eher an meinen Erotikerzählungen interessiert als meiner Haut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun: Auch heute schreibe ich noch. Tolstoi werde ich wohl nie — eher Rosamunde Pilcher in Ostdeutsch, mit gelegentlichem Herzrhythmusfehler. Aber das Schreiben ist wie dieses Gummiband: Man kann dran ziehen, draufhauen, es verbrennen lassen — es findet seinen Weg zurück. Manchmal als Indianerlied, manchmal als Erotikdrehbuch, manchmal als das hier. Meine Mutter würde sagen, das war schon im Mutterleib so. Und sie erzählt das wirklich jedem.