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Es ist Nacht – nicht Abend. Es ist eine Nacht, die so dunkel wie der Höllenschlund ist, und den stelle ich mir so duster wie in einem Bärenarsch vor – nicht, dass ich einschätzen könnte, wie die Lichtverhältnisse in einem solchigen sind. Jedenfalls liege ich im Bett – neben mir der mir Angetraute, der in seinem vorherigen Leben wohl ein kanadischer Holzfäller war, und unsere Bärin Luna, die synchron mit Herrchen den Regenwald abholzt. Ich hingegen liege da, spüre meinen Nacken schmerzen und denke über das Leben nach.

Vor einer Woche starb eine Bekannte von uns – ganz plötzlich. Sie litt an Gebärmutterkrebs und befand sich eigentlich auf einem guten Weg. Ich mochte sie, ihren Optimismus und ihr Lachen, das so schmutzig wie der einer Hure auf der Reeperbahn klingen konnte. Jetzt ist sie nicht mehr da und ich fühle mich verloren.

Man sagt immer, das Leben sei zu kurz für dies und das. Aber lebt man das? Schon als Kind wollte ich nichts anderes sein als eine Schriftstellerin – eine weibliche Ernest Hemingway. Nur dass ich heute wahrscheinlich nicht mehr „Der alte Mann und das Meer“ schreiben würde, sondern „Die verlorenen Seelen des Internets“ oder so ähnlich.

Vor 51 Jahren bin ich losgelaufen – und bis heute nicht angekommen. Wie viel Zeit bleibt mir noch, um meine Träume zu verwirklichen? Werde ich eines Tages den Schritt wagen und eine Autorin sein? Oder werde ich mit dem Gefühl sterben, nicht gelebt zu haben? 51 Jahre. Über die Hälfte meiner Lebenszeit liegt hinter mir – es sei denn, die Kryotherapie hilft – und ich bin einfach nur da. Ich funktioniere. Ich gehe arbeiten. Ich mache den Haushalt, bin meistens – nicht immer – nett zu meinen Mitmenschen und zähle die Tage bis zum nächsten Urlaub – meist unmittelbar nach meinem vergangenen Urlaub.

Ich frage mich, was von mir bleibt, wenn ich nicht mehr bin. Wird es Spuren von mir geben? Ein Vermächtnis? Oder werde ich einfach verschwinden – so wie eine Pusteblume im Sommerwind? Wer möchte ich sein und wie soll der Rest meines Lebens aussehen? Möchte ich weiter im Hamsterrad treten oder mutig sein und etwas anderes tun?

Während ich diese überaus tiefsinnigen Gedanken vor mir her treibe, schnarchen meine Lieben weiter vor sich hin. Und trotzdem: In der Nacht werden auch die leisen Gedanken laut.

Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin?