Nachts sind alle Katzen grau. Nun, wir haben keine Katze, sondern Luna. Und Luna ist so schwarz wie diese Nacht.
Das grelle Licht meines Monitors blendet mich. Eigentlich bin ich müde – vom Tag, von meinen Gedanken, von meinen Fragen.
Warum bin ich so unstet, so unsicher, so abhängig von der Bestätigung anderer? Ich weiß, dass ich schreiben kann. Seit meiner Kindheit mache ich nichts anderes außer Schreiben. Und doch: Jedesmal sitze ich da, schreibe Seite um Seite, um das Geschriebene doch nicht zu veröffentlichen. Mein virtueller Papierkorb stöhnt schon, wenn ich klicke, und droht mit trojanischen Gegenmaßnahmen.
Während mein Papierkorb bereits Fluchtpläne schmiedet, blinkt mich der Cursor böse an. Komm endlich ins Handeln, Mädel, oder lass mich schlafen.
Schlaf! Ja, das wäre was. Zu blöd, dass mein Gedankenkarussell gerade erst Fahrt aufgenommen hat und Gedanken um Gedanken durch meinen Kopf schleudert.
Ich habe einmal gelesen, dass Wendekinder häufig erhöhte psychische Belastungen zeigen – vor allem Frauen: Ich bin ein Wendekind. Kindheit in der DDR, erwachsen geworden im vereinigten Deutschland. Ich habe erlebt, wie meine Eltern ihre Arbeit verloren. Wie meine Mutter eine Ausbildung nach der anderen machte und trotzdem keinen Job bekam – drei Kinder. Das ging gar nicht. Was in der DDR gefördert wurde, war plötzlich ein Stigma.
Ich erlebte, wie Versicherungsvertreter unsere Türen einrannten, Verkäufer und Autos andrehten, die eigentlich auf den Schrottplatz gehörten. Ich hörte oft meine Mutter weinen – verzweifelt, hoffnungslos. Und ich lernte, mich dafür zu schämen, aus dem Osten zu kommen. Das Mädchen aus der Dunkelzone, Zonenkind, Schmarotzer. Zieht die Mauern wieder hoch. Ihr seid daran schuld, dass es uns schlecht geht. Diese Worte begleiteten mich durch mein Erwachsenwerden.
Dann lernt man häufig eher „durchhalten“, anpassen und Gefühle wegdrücken, als konstruktive Problemlösestrategien und Selbstfürsorge. Ich wurde eine Eiche mit der Verletzlichkeit einer Nacktschnecke.
Kommt noch ein transgenerationales Trauma dazu, hat man schnell das Gefühl, nicht richtig zu sein. Man hinterfragt sich, stellt seine Fähigkeiten infrage und staunt über all die Menschen, die so scheinbar mühelos durchs Leben kraxeln.
Ich dagegen schwebe höchstens mühelos zum Kühlschrank – nachts, wenn die Nacht so schwarz wie Luna ist.
Apropos Luna: Während ich meinen Cursor anstarre, erdulde ich den Psychoblick eines Hundes, der nur darauf wartet, dass sich der Kühlschrank wieder öffnet und Leberwurst auf wundersame Weise in ihr Maul wandert.
Übrigens: Ich bin mit einem Düsseldorfer verheiratet und lebe in Bayern. Der Osten und der Westen glücklich vereint – das geht.