Als ich geboren wurde, war es Winter – nicht so kalt wie der Winter 1978, aber nahe dran. Jedenfalls lag da dieses kleine Häufchen Leben, eingeklemmt zwischen dünnen Decken und einem Tuch, so weich wie ein Lammfell – nicht, dass ich damals gewusst hätte, wie weich ein Lamm und dessen Bekleidung ist.
Ich wuchs heran und wurde so groß wie eine nordische Göttin und ebenso blond – stämmig wie eine Eiche und robust wie eine Mimose.
Ich war ein sensibles Kind. Alles, was nicht bei Drei auf dem Baum war, wurde gerettet – ob er, sie, es das wollte oder nicht. Schon bald wurde ich die Jungfrau von Orleans genannt – so gutherzig und rein wie ein Gebirgsbach. Dabei war ich so schmutzig wie die Moore der Lausitz. In mir schlummerte ein zweites Ich – ein starkes Ich, der Wolf unter den Schafen. Na gut, kein Wolf, eher ein Pudel in Lederjacke. Ich wollte so cool sein, wie der schulschwänzende Daniel, so glamourös wie die elegante Beatrix und so schlau wie der fingernägelkauende Frank. Aber das war ich nicht. Ich blieb das stille Mädchen, das Bücher nicht las, sondern verschlang. Das Mädchen, das unsichtbar wurde, sobald es die Bühne des Lebens betrat – das Nichts, übertragen von Generation zu Generation.
Als ich erwachsen wurde, verstand ich, dass nicht ich das Problem sei, sondern die anderen. Leise, sensible, empathische Menschen gehen in einer Welt lauter Menschen unter. So leise, wie sie gelebt haben, gehen sie. Es gibt unzählige Artikel darüber, wie sich diese Menschen in der Arbeitswelt behaupten können. Sie sollen sich anpassen, sich ein dickes Fell zulegen und mitschwimmen. Noch nie sah ich einen Beitrag darüber, wie laute Menschen empathisch sein oder zuhören können.
Sind also leise Menschen verkehrt oder sind sie zu still, um gehört zu werden? Man sollte sich nicht verbiegen müssen, um akzeptiert zu sein.