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Mit der Trauer ist das so eine Sache: Sie kommt immer unerwartet und schlägt einem mit der Gewalt eines Tornados der Kategorie Neun nieder. Ich habe schon oft getrauert. Das bringt das Alter so mit sich: Der Familienkern wird kleiner und der Freundeskreis lichtet sich.

Erwähnte ich schon, dass das mit der Trauer immer so eine Sache ist?

Als meine Bärin ihr Rudel zurückließ, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Während der mir Angetraute seine Trauer in sinnvolle handlungsorientierte Energie umwandelte, verflüssigte sich meine sozusagen. Es gab Tage, an denen ich mich abends wie die Wüste Gobi fühlte: leer und ausgedörrt. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen. Wirklich schlimmen. Manchmal fühlte ich mich nicht nur für Lunas Tod verantwortlich. Selbst ohne dem grellen Licht einer Verhörlampe hätte ich zugegeben, den 2. Weltkrieg angefangen und die Mauer gebaut zu haben. Schuldgefühle sind etwas Furchtbares – vor allem dann, wenn es keine Absolution mehr geben kann.

Ratgeber empfehlen, dem Verstorbenen einen Brief zu schreiben, um Ungesagtes zu sagen. In meinem Fall handelt es sich um meine Bärin. Ich dachte darüber nach – 25 Sekunden lang. Aber ganz ehrlich: Ich habe noch nie einen Hund lesen sehen. Also ließ ich das mit dem Brief und führte Selbstgespräche. Es dauerte nicht lange und Gerüchte wurden laut. „Die arme Irre“ flüsterten sie hinter vorgehaltener Hand, während sie ihr Beileid ausdrückten.

Ganz optimistische Stimmen versprachen, dass nur der erste Tag schlimm sei. Am nächsten Tag wäre wieder alles gut. Und täglich grüßt das Murmeltier. Ich wiederhole Tag 1 in Dauerschleife.

Ein Welpe müsse her, damit wieder Leben in die Bude kommt. Nun: Ein Hund ist nun mal kein Fernseher, den man entsorgt.

Ja, das wäre nun mal meine Art zu trauern, säuselten Wohlmeinende, während sie meinen Arm tätschelten, der zwei Tage zuvor noch das seidigweiche Fell der Lakritznase gespürt hat. Es ist nicht einfach nur Trauer. Es ist ein Verlust, der einem jeden Tag aufs Neues ein Messer direkt ins Herz rammt und umdreht. Es sind Bilder eines Todes, den ich ihr nicht gewünscht habe. Grauenvolle Momente, die sich unauslöschlich ins Gehirn gebrannt haben.

Ja, das mit der Trauer ist so eine Sache. Fest steht: Sie tut immer weh.