„Alter ist nichts für Feiglinge“, sagte einmal eine alte Frau zu mir und rieb sich die schmerzenden Finger. Damals dachte ich, so feige könne niemand sein, lieber zu sterben, als zu altern. Dann wurde ich 50. Mit 50 beginnt spürbar der körperliche Zerfall. Was mit 40 noch als kleine Zipperlein abgetan wurde, hat mit 50 die Ausmaße eines mittelgroßen Meteoriteneinschlags – zumindest bei mir.
Nehmen wir das Reisen. Mit 20 packte ich ein Zelt, eine Luftmatratze und einen sauberen Slip ein, wenn es zum Zelten ging. 30 Jahre später stöhnt der mir Angetraute unter der Last eines Gepäcks, das früher noch in eine Reisetasche gepasst hätte. Selbstverständlich muss mein Kopfkissen mit. Hotelkopfkissen haben nämlich eine Angewohnheit: Sie gehen mit kostenlosen Nackenschmerzen einher.
Der mir Angetraute und ich haben Freunde. Nette Menschen. Kultiviert, lebensfroh… und sehr eingefahren. „Ohne unsere Kissen fahren wir nirgendwohin. Dann wachen wir mit Nackenschmerzen auf. Wenn möglich nehmen wir auch unsere Decken mit. Es darf nicht zu warm und nicht zu kalt sein.“ Damals runzelten der mir Angetraute und ich irritiert die Stirn. Heute sehen wir uns nur noch wissend an, wenn wir verschämt unsere orthopädischen Kissen samt Nackenrolle einpacken.
Auch die Gartenarbeit wird spannender, weniger entspannender. Stichwort: Rückenschmerzen. Der mir Angetraute und ich gehören zur Gilde der Sitzenden und Rundrücken. Kurz: Wir haben Rückenschmerzen. Nach zehn Minuten massiver Unkrautbekämpfungsmaßnahmen gehen unsere kleinen Wirbelkörper auf Kuschelkurs, während die Bandscheiben ächzend die Koffer packen und abreisen – und das ohne Abschied. Zurück bleiben wir mit schmerzenden Knochen und dem Wunsch nach einer neuen Wirbelsäule.
Trotzdem hat das Altern auch Vorteile – zumindest für Frau. Pünktlich zum 50. wird die in den weiblichen Genen verankerte Tarnkappe aktiviert. Pfiffen mir früher Männer wegen meines knackigen Pos hinterher, bin ich heute unsichtbar. Ich meine, ich verstehe das auch. Aus dem einstigen knackigen Apfelpo wurde eine Melone mit der Tendenz zur Bodenhaftung.
Altern ist also wirklich nichts für Feiglinge. Doch Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung, dass etwas anderes wichtiger ist. In diesem Fall das Leben – mit all seinen Macken und Herausforderungen. Ich hoffe, ich sehe das auch irgendwann einmal so.