Der mir Angetraute und ich leben in Bayern. Ja, ich weiß: Glühende Alpenspitzen, idyllisch weidende Kuhherden und Party auf dem Oktoberfest. Nun: Unser Bayern sieht so aus: Holzstapeln im Herbst, kilometerweite Anreisen bis zum Arzt und ein Dialekt, für den man nüchtern sein muss.
Jedenfalls hackte der mir Angetraute Holz. Im gleichmäßigen Rhythmus donnerte er die Axt auf den Holzscheit, malerisch begleitet vom Ächzen seiner Kraft, die nur wenig später in sein Schienbein floss.
Besorgt eilte ich nach draußen. Und da stand er – mit einer Axt im Bein. Abrupt blieb ich stehen.
„Frankenstein oder kein Bock auf Arbeit?“
„Nicht witzig, Butzi. Ich muss zum Arzt.“, grummelte er zerknirscht mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Hm…“
Melodramatisch hing das Schweigen zwischen uns. Nicht dieses „Wir lassen uns scheiden und verkaufen die Kinder“-Schweigen. Es war eher dieses „Verdammt. Was mache ich jetzt bloß“-Schweigen. Denn: Es war Sonntag. In Bayern nicht nur so heilig wie die weiße Kuh in Indien, sondern auch ein logistischer Alptraum in Notfällen. Und das war definitiv einer. Es half nichts: Wir mussten ins Krankenhaus.
Sein Gesicht sprach Bände. Nicht so eindrucksvoll wie Sielmanns „Weltreich der Tiere“, aber mindestens genauso interessant.
„Ich fahre allein. Bleib du hier und bewache das Haus.“
Testosteron schwängerte die Luft. Einen kurzen Moment lang dachte ich an Sex – wild, leidenschaftlich, hemmungslos auf dem Holzstapel. Die Splitter ziehen wir uns später raus. Contenance, Mädchen.
„Mit der Axt im Bein?“
Diese Schlacht hatte ich gewonnen.
Dreißig Kilometer bis zur nächsten Notaufnahme. Ich tippte die Adresse ins Navi, während er die Axt seelenruhig selbst herauszog.
Schweigend fuhren wir. Vorbei an geschlossenen Arztpraxen, schlafenden Apotheken, einer verwaisten Bäckerei. Bayern am Sonntag. Alles zu, alle beten, wir bluten.
In der Notaufnahme sahen uns zwei Pflegerinnen an.
„Was ist passiert?”
„Holzhacken.”
Ein Nicken. Kein Erstaunen. Bayern am Sonntag.