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Ich bin ein Kind der Lausitz. Als Jugendliche nannte ich die Region Gottes verlassene Erde, dort sangen nicht nur Fuchs und Hase weinselige Lieder von Einsamkeit und Ödnis. Selbst die Wölfe packten irgendwann ihre Koffer und gingen weg.

Die Lausitz ist ein wundervoller Ort. Unendliche Weiten, lauschige Auen, schattige Mischwälder und eine Insektenpopulation, bei der Insektenforscher leuchtende Augen bekommen. Meine Augen hingegen leuchteten weniger, denn meist waren sie am nächsten Morgen zugeschwollen. Für Mücken war ich eine Delikatesse.

Kürzlich waren der mir Angetraute und ich in der Heimat. Erwähnte ich schon, dass die Lausitz wirklich schön ist?

Jedenfalls fuhren wir mit dem Fahrrad. Wir fuhren durch wundervolle Landschaften. Die Sonne blitzte zwischen den Bäumen durch, Frösche quakten und Grillen sangen ihr Lied. Und wir? Wir fuhren. Irgendwann gabelte sich der Weg. Wir mussten weiter – nur, wohin.

Nun ist der mir Angetraute ein Mann der Tat und immer up to date. Kurzerhand zückte er sein Handy und startete eine Fahrrad-App. Mein Herz schlug schneller und ich spürte, wie mein Blutdruck Werte annahm, die mich in jede Notaufnahme gebracht hätten. Panik breitete sich in mir aus. Ich sah uns bereits das Zelt aufschlagen, das wir nicht hatten, und Käfer essen.

Der mir Angetraute liebt diese App. Ich hingegen bekomme massive Kopfschmerzen, sobald sie ins Spiel kommt. Sie hat ungefähr dieselbe Wirkung, wie der Satz: „Ich kenne da eine Abkürzung.“ Denn dann durchwandern wir tiefe Täler, durchschwimmen reißende Gebirgsbäche, erklimmen Berge, kämpfen gegen Bären, um letztendlich wieder am Startpunkt zu landen.

Nun gibt es in der Lausitz keine reißenden Gebirgsbäche. Vielmehr ist es das Moor, das Unschuldige in seine morastige Arme schließt – meist auf Nimmerwiedersehen.

Die App begann ihre Arbeit. Wir fuhren und fuhren – durch schattige Wälder, über bucklige Waldwege, vorbei an Fröschen und Grillen, die nur darauf warteten, dass wir verschwinden – in den morastigen Armen der Moore. Ich sah uns bereits in den Anden landen. Braungebrannt, erschöpft, aber lebend. Irgendwann erreichten wir Zivilisation. Rasenmäher zerstückelten Insekten, Autos donnerten und Musik spielte. Ich war glücklich. Dieses Mal hatten wir die App überlebt. Und beim nächsten Mal…?

„Ich kenne da übrigens eine kürzere Strecke zurück.“

Motiviert zückte der mir Angetraute sein Handy. Ich hingegen fuhr – um mein Leben.

Dabei ist es seltsam mit der Heimat. Man fährt durch dieselben Wälder, atmet dieselbe Luft – und plötzlich ist man wieder zwölf.

Heimat bedeutet auch Vergangenheit. Erinnerungen – manchmal so schön wie der Sonnenuntergang am Scheibesee, manchmal so finster wie der Höllenschlund. Mein Höllenschlund hieß Schule. Nicht, dass ich die Schule verabscheut hätte. Im Gegenteil: Ich war Frau Streberin – und ich war dick.

Während meine Klassenkameraden langsam ihrem Babyspeck entwuchsen, wuchs meiner mit mir mit. Ja, mit 12 hatte ich keinen Bauch, sondern ein Rettungsboot. Leider rettete mich dieses nicht vor dem Spott meiner Mitschüler.

Heimat bedeutet also nicht nur Liebe. Auch Schmerz ist ein Begleiter – ein unangenehmer. Sicherlich. Doch was wäre Liebe ohne Schmerz? Das gilt auch für die Heimat.